Annedore Leber – Die Politikerin
Die Zeit erlaubt keinem von uns zu ruhen
Veranstaltung mit der Historikerin Gisela Notz

Im PallasT, dem Kinder und Jugendzentrum des Stadtteilvereins Schöneberg, sind heute nur Erwachsene. Sie hören der Historikerin und Aktivistin (worauf sie Wert legt) Gisela Notz aufmerksam zu. Sie schildert den Lebensweg von Annedore Leber. Dabei weist sie darauf hin, dass es nur wenig Literatur über Frauen aus der Arbeiterbewegung gibt. Und noch weniger über Frauen berühmter Männer. Auch Annedore Leber wird, falls sie überhaupt erwähnt wird, vor allem als Frau und Mitwisserin von Julius Leber gesehen. Das ändert sich jedoch gerade, laut Gisela Notz nicht zuletzt durch den AK Lern- und Gedenkort Annedore und Julius Leber. Der stellt sie mit ins Zentrum des Erinnerns und dafür auch diese Veranstaltung organisiert hat.


Annedore Lebers politisches Leben beginnt bald nach dem Krieg
Genau vor 80 Jahren, am 20. Oktober 1946, wird Annedore Leber in die Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin gewählt. Genau ein Jahr nachdem Julius Leber vor dem Volksgerichtshof im Kammergericht stand, wie die Moderatorin Dörte Döhl vom Arbeitskreis hinweist. Sie wird auch stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion. Schon kurz nach Kriegsende beginnt ihre politische Karriere. Im Oktober 1945 war sie bereits in den Zentralausschuss der SPD gewählt und zur Leiterin des Frauensekretariats berufen worden. Als sich im April 1946 die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED in der Sowjetischen Besatzungszone abzeichnet, erklärt Annedore Leber ihren Austritt. Sie wechselt in die von Kurt Schumacher wenig später neu gegründete Westzonen-SPD. Für die Partei wird sie während der ersten Legislaturperiode 1946 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung entsandt.
Anschließend setzt sie ihre politische Laufbahn 1954-1962 als Bezirksverordnete von Berlin-Zehlendorf und von 1963 bis 1967 als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses fort.

Ihre Themen sind oft Frauen und Jugendliche. Sie setzt sich sehr für die Bildung von Frauen ein. Während der Berliner Blockade hält sie eine eindrucksvolle Rede zur Berliner Notlage und ruft die Vereinten Nationen zur Unterstützung auf. Ihre Rede wird zusammen mit Beiträgen der liberalen Stadtverordneten Ella Barowsky, und der Christdemokratin Lucia Krüger sowie einem Vorwort der Amtierenden Oberbürgermeisterin Louise Schroeder unter dem Titel Berliner Frauen appellieren an die Menschlichkeit als Broschüre gedruckt.
Lebhafte Diskussionen
Dem Vortrag folgt eine lebhafte Diskussion. Besonders um die Frage, ob die Benennung der größten Kaserne Berlins nach Julius-Leber in Annedore Lebers Sinn gewesen wäre, gibt es viele Beiträge. Auch die Frage, warum nur wenige Frauen aus dem Widerstand hingerichtet wurden, erregt große Aufmerksamkeit. Tatsächlich wurden viele Frauen hingerichtet, jedoch nicht im direktem Zusammenhang mit dem Aufstandsversuch des 20. Juli 1944, was sicher stark mit dem NS-Geschlechterrollenbild zusammen hängt. Außerdem waren viele Frauen im Umfeld des 20. Juli 1944 Adlige und Offiziersfrauen, die von den Natonalsozialisten als ahnungslos und unpolitisch gesehen wurden.
Zum Abschluss der Veranstaltung wies Martina Fiebelkorn, die Vorsitzende des Stadtteilvereins Schöneberg, darauf hin, dass für die Realisierung des Lern- und Gedenkorts Annedore und Julius Leber Spenden sowie Menschen, die den Ort dauerhaft fördern, benötigt werden.

